Silencio App: Geld verdienen durch Lärm messen?
Was steckt hinter dem Projekt?
Torben Platzer hat zwei Monate lang die App „Silencio“ getestet, die in einer Nische ansetzt, die immer mehr Aufmerksamkeit bekommt: der Lärmerfassung durch die Community. Die Idee stammt vom 2021 gegründeten Unternehmen Silencio Network. Zwar ursprünglich in München gestartet, hat der Entwickler seinen Sitz inzwischen in die USA verlegt. Nach zwei erfolgreichen Finanzierungsrunden zählt das Projekt laut eigenen Angaben inzwischen über eine Million Nutzer in 180 Ländern.
Die App setzt auf das sogenannte DePIN-Prinzip. Das steht für „Decentralized Physical Infrastructure Network“. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk, bei dem die Infrastruktur durch dezentrale Nutzer aufgebaut und betrieben wird. Ziel ist es, weltweite Umgebungsgeräusche standardisiert zu erfassen und daraus eine globale Lärmkarte zu erstellen.

Wie funktioniert die Silencio App?
Zur Nutzung benötigt man lediglich ein Smartphone. Die App misst mit Hilfe des Mikrofons den Umgebungslärm, verarbeitet die Daten anonymisiert und speichert sie dezentral auf einer Blockchain. So entsteht ein globales datenbasiertes und unabhängiges Sound-Mapping.

113 Millionen Menschen in Europa sind laut Studien dauerhaft einem hohen Lärmniveau ausgesetzt. Weltweit leiden rund 1,5 Milliarden Menschen an Hörverlust. Eine häufige Ursache ist dabei der Umweltlärm.

Unternehmen, Städte und Forschungseinrichtungen sind an diesen Daten massiv interessiert und investieren Milliarden in die Reduzierung von Umweltlärm. Während viele Städte wie New York oder Paris auf stationäre Sensoren setzen, geht Silencio einen anderen Weg: Nutzer selbst werden zu mobilen Sensoren, was zu einem dichteren und flexibleren Datenpool führt. Geplant sind künftig auch weitere Umweltmessgrößen wie Luftqualität, Temperatur oder Licht.
Erste Schritte in der App
Torben hat sich die App heruntergeladen, einen Account eingerichtet und die Berechtigungen für Standort und Mikrofon erteilt. Die Oberfläche der App besteht aus verschiedenen Bereichen: dem „Network“, wo aktuelle Messungen und Statistiken angezeigt werden, einem Shop, einem Newsfeed und dem Herzstück: der Messkarte. Diese Karte ist mit sechseckigen Feldern („Hexagons“) eingefärbt, die den gemessenen Lärmpegel farblich darstellen: von grün (leise) bis rot (laut).

Bevor man selbst aktiv wird, kann man die Lautstärke für einzelne Gebiete einsehen – nützlich etwa beim Buchen von Hotels. Will man selbst Lärmdaten erfassen, stehen zwei Messoptionen zur Auswahl:
1. „Active Measurement“: für Spaziergänge oder Aufenthalte draußen.
2. „Venue Check-in“: für Orte wie Restaurants oder Einkaufszentren, bei dem die Messung nur 15 Sekunden dauert.
Nach der Messung wird evaluiert, wie gut man sich verständigen konnte und wie voll es war.
Systematik, Gamification und Belohnungen
Nach 30 Minuten wird die aktive Session automatisch beendet – eine Maßnahme gegen Missbrauch. Auch beim Autofahren wird die Session abgebrochen, denn das System erkennt unnatürliche Bewegungen. Während der Messung sollte das Smartphone nicht genutzt werden, da dies die Daten verfälschen könnte. Die App muss dabei nicht aktiv im Vordergrund laufen.
Torben hat während eines Spaziergangs 383 Hexagons erreicht, davon waren 28 bisher ungemessen. Dies führt zu höheren Belohnungen. Zusätzlich meldete er 30 feste Locations und aktivierte eine sogenannte „Day Streak“, die bei täglicher Aktivität mit Bonus-Coins belohnt wird.

Das Gamification-Element erinnert an Pokémon Go, auch wenn man hier keine Monster fängt, sondern Bonusfelder vermisst. Belohnt wird man mit Coins, den sogenannten SLC Tokens.
Werbeeinnahmen und Monetarisierung
Nach der Messung kann man wählen, ob die verdienten Coins direkt beansprucht oder durch das Ansehen einer Werbung vervielfacht werden sollen. Torben entschied sich für die Werbung, um zu analysieren, wie viel mehr man dadurch erhält. Nach zwei Minuten Werbung dreht man ein Glücksrad, dessen Ergebnis den Multiplikator bestimmt. In seinem Fall: Faktor drei. Der Messlauf war also dreifach so viel wert.

Dieses Monetarisierungssystem zeigt transparent, woher die ausgezahlten Gelder kommen: Werbeeinnahmen. Das steigert die Überlebenswahrscheinlichkeit des Projekts und unterscheidet sich von vielen gescheiterten Systemen mit Schneeballstruktur. Ein weiterer Vorteil ist, dass man kein Startkapital, kein NFT und keine teuren Gadgets wie bei anderen DePIN-Projekten wie „Stepn“ oder „Dimo“ benötigt.
Langzeit-Test: Was lässt sich verdienen?
Über zwei Monate hat Torben täglich Messläufe absolviert. Die dabei verdienten Coins kann man entweder im integrierten Shop für Gutscheine, Software oder Hardware einsetzen oder bei der monatlichen Verlosung („Deepin Luck Raffle“) teilnehmen. Die Teilnahme geht dabei immer vom ersten Tag des Monats bis zum Letzten. Ein Coin entspricht dabei einem Los und es werden über 500 Millionen SLC-Token verlost. Die Lootboxen reichen dabei von „Iron“ bis „Diamond“. Somit erhält man im besten Fall Coins im Millionenbereich.

Im ersten Monat konnte er 3.751,53 SLC verdienen, im zweiten hingegen nur 515,82. Die Umrechnung in Euro ist jedoch ernüchternd: 4.267 SLC entsprechen beim aktuellen Kurs gerade mal 0,53 Euro.

Dafür gibt es aber Langzeit-Potenzial: Die Streak-Boni erhöhen den Verdienst mit der Zeit, Coins können gestaket werden und es gibt Nutzer, die durch Engagement, langfristige Nutzung und Referal-Programme deutliche Summen sammeln konnten. Ein Mitglied aus Torbens Community sammelte über 484.000 SLC in 162 Tagen – durch tägliche Nutzung im passiven Location-Modus. Dabei erhält der Nutzer täglich ca. 1.100 Coins zusätzlich.
Lärmmessung als Nebenverdienst?
Silencio ist ein spannendes Projekt mit einem klaren gesellschaftlichen Mehrwert. Die Idee, Umweltdaten dezentral durch Nutzer zu erfassen, ist innovativ und die Technik funktionierte im Selbstexperiment zuverlässig. Wer täglich unterwegs ist, kann beiläufig ein paar Coins sammeln. Reich wird man damit aber aktuell nicht. Dafür ist der Kurs zu niedrig und der Erlös überschaubar. Torben betont jedoch auch, dass der SLC-Kurs nicht so gesunken ist, wie bei man anderen Krypto-Projekten die er getestet hat.

Tatsächlich verdient man derzeit am meisten durch das Ansehen von Werbung oder durch das Einladen anderer Nutzer. Und weniger durch die eigentliche Datenerfassung. Trotzdem lässt sich festhalten, dass Silencio ohne Investment, ohne Risiko und mit einer Vision, die langfristig aufgehen kann, ein interessantes Beispiel für das Potenzial von DePIN und Crowd-Sensing in der Blockchain-Welt ist. Ob sich das dauerhaft lohnt, hängt stark vom Kurs und möglichen Partnerschaften ab. Derzeit zeigen erste Unternehmen wie Cubic bereits Interesse an den Daten.
Aufgrund des nicht vorhandenen finanziellen Einstiegsrisikos und der einfach zu verstehenden Nutzung ist Silencio eine interessante Option für technologieaffine Menschen, die gerne digitale Projekte ausprobieren und gleichzeitig ein zukunftsgerichtetes Umweltbewusstsein mitbringen.