Manipulierte Fußballwetten: Die Instagram-Falle

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Sportwetten und Manipulation

Torben Platzer hat manipulierte Fußballspielergebnisse gekauft – nicht etwa durch Insiderkontakte oder im Darknet, sondern über die Instagram-Story von Katja Krasavice. Diese hatte öffentlich in einer Instagram-Story damit geworben, mithilfe einer Telegram-Gruppe bei Tipico mit einer Kombiwette fast 6.000 Euro aus nur 165 Euro Einsatz gewonnen zu haben.

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Manipulierte Sportspiele sind keine neue Erscheinung, spätestens seit dem Wettskandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer steht die Thematik im öffentlichen Fokus. Hoyzer hatte im Jahr 2004 in einem DFB-Pokalspiel zwischen SC Paderborn und dem Hamburger SV zwei umstrittene Elfmeter für Paderborn gepfiffen und den Hamburger Stürmer Emile Mpenza noch in der ersten Halbzeit mit einer roten Karte vom Platz geschickt.

Die bis dahin aufgebaute 2:0 Führung für den Sportverein aus Hamburg konnte somit egalisiert werden. In der zweiten Halbzeit konnte der in Unterzahl geratene HSV dem Sportclub aus Paderborn nicht mehr viel entgegensetzen und verlor letztlich mit 4:2.

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Im Jahr 2005 fliegen die Manipulationen auf, Hoyzer gesteht die Taten und wird für insgesamt 11 Manipulationsversuche verantwortlich gemacht. Der durch ihn entstandene Schaden beläuft sich auf über 2 Millionen Euro.

Dank moderner Technik und KI konnte der Schweizer Sportdaten-Dienstleister Sportradar, der über 70 Sportarten bei mehr als 500 Wettanbietern überwacht, im vergangenen Jahr 2024 erstmals 17 % weniger Verdachtsfälle vermelden.

Dank der Überwachung der platzierten Wetten kann Sportradar auf ungewöhnliche Muster achten. Es wird etwa geschaut, ob besonders hohe Summe auf sehr unwahrscheinliche Ergebnisse gesetzt werden und schaut sich die betroffenen Spiele dann genauer an.

Dennoch registrierte das Unternehmen weltweit 1.108 mutmaßlich manipulierte Partien – mit Fußball wie üblich an der Spitze (721 verdächtige Spiele). Sogar der Deutsche Fußball-Bund kooperiert wieder mit dem Bundeskriminalamt, nachdem sich heraus gestellt hat, dass in der Oberliga Hamburg 17 Spiele manipuliert wurden. Die exakten Spielergebnisse dieser Spiele wurden im Darknet verkauft.

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Die „Wunder-Kombi“ aus Katjas Story

Zurück zu Katja Krasavice und der Telegram-Gruppe: In Katjas Fall wurde offenbar eine hohe Quote erzielt, weil sie zwei exakte Spielergebnisse in der zweiten japanischen Liga korrekt getippt hatte – eine Liga, die im Zusammenhang mit Wettmanipulationen schon mehrfach kritisch in Berichten erwähnt wurde. Entsprechende Hinweise zu diesen spezifischen Partien lassen sich online allerdings nicht finden, obwohl es durchaus bekannte Vorwürfe in der Liga gibt.

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Der Link in Katjas Instagram-Story führte zu einer geschlossenen Telegram-Gruppe mit über 16.000 Abonnenten. Angeblich gab es dort „100-prozentige“ Sieger-Tipps, mit denen schon zahlreiche Promis, darunter Katja selbst, „fett abgesahnt“ hätten.

Torben Platzer wurde nach kurzer Zeit in die Telegram-Gruppe aufgenommen. Die Kommunikation wirkte dabei wie ein typisches Schneeballsystem mit markigen Sprüchen: „Dienstag ist die perfekte Möglichkeit, fett abzukassieren!“ Die Rede war von mehreren Millionen Euro, einem grünen Lamborghini und angeblich risikofreien Wettmöglichkeiten.

Der Preis für die „sicheren Tipps“

Wer konkrete Fix-Ergebnisse erhalten wollte, sollte dafür 400 Euro pro Spiel oder 600 Euro für eine Kombiwette überweisen – zusätzlich 10 % vom Gewinn. Torben Platzer transferierte über 600 Euro in Solana auf eine Wallet des Betreibers und wartete.

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Doch der Plan wurde plötzlich geändert: Nun wollte der Betreiber selbst wetten, weil angeblich zu viele Teilnehmer gleichzeitig auf die Tipps gesetzt hätten und die Buchmacher deshalb Wetten gesperrt hätten. Damit wurde ein weiterer Einzahlungsbetrag verlangt – angeblich, weil der Betreiber ein „Platin-Konto“ ohne Wettlimits nutzte.

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Torben und sicherlich auch die meisten anderen Personen in der Gruppe haben dem Betreiber also erneut Geld für die Wette geschickt. Torben hat weitere 100 Euro in Solana transferiert und der Betreiber will, damit die Quoten möglichst hoch bleiben, 1-2 Stunden vor Spielbeginn das ganze Geld setzen und die zahlenden Teilnehmer informieren.

Ein erfahrener Sportwetten-Experte, Jan aka „Quotenwilly“, bezweifelte diese Aussagen und stellte klar, dass es bei seriösen Buchmachern wie Tipico gar keine „Platin-Accounts“ gibt. Dies würde erfolgreichen Wettern natürlich entgegenkommen, da sie so eine Art „VIP-Behandlung“ hätten und mit höheren Einsätzen noch höhere Profite erzielen könnten.

Regulär ist aber das Gegenteil der Fall: erfolgreiche Spieler würden meist schnell gesperrt, wenn sie durch sogenannte „Value Bets“, also Wetten mit mathematischem Vorteil, regelmäßig Gewinne erzielen.

Sportwettenbetrug in Asien, Osteuropa – und auf Telegram

Auf die Frage, ob manipulierte Spiele denn prinzipiell möglich sind, schreibt Jan, dass es auf die jeweilige Liga ankommt. Bei der argentinischen Liga, sagt er, gibt es bereits eine gewisse mediale Aufmerksamkeit. Viele Spieler wollen sich in den Fokus spielen, um in einer europäischen Top-Liga zu landen und könnten sich derartige Wettskandale nicht erlauben.

Aufgrund der volatilen wirtschaftlichen Lage – Spielergehälter werden teilweise verspätet gezahlt – könnte es aber tendenziell zu Manipulationen auf Einzelspieler-Ebene kommen. Auch kleinere Clubs am Tabellenende oder bei Pokalspielen, wo es um nichts mehr geht, könnten womöglich manipuliert werden.

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Manipulierte Spiele sind jedoch kein fiktives Phänomen. Aus Asien, insbesondere Singapur und Osteuropa sind viele echte Fälle bekannt. Die dortigen Märkte erlauben teilweise Wetteinsätze von bis zu 500.000 Euro sogar auf U19-Spiele oder Frauen-Freundschaftsspiele in Europa – ein idealer Nährboden für Manipulation.

Dokumentationen wie die des WDR zeigen, wie junge Spieler – vornehmlich Torhüter – die noch keinen Top-Vertrag haben, mit vermeintlichen Werbeverträgen oder Geldgeschenken geködert und nach und nach in ein mafiöses System integriert werden.

Im Jahr 2011 ging dabei eine Wettbetrüger-Bande hoch. Kopf des Ganzen: Der 28-fache italienische Nationalspieler Giuseppe Signori. Der 188-malige Torschütze aus der höchsten italienischen Spielklasse, der Serie A, hat Manipulationen in Bologna, Chiasso, Mailand und Bari auf den Weg gebracht. 23 Clubs waren dabei in die Betrügereien involviert. Dabei ging es unter anderem auch um Erstliga-Aufstiege bei Atalanta Bergamo und AC Siena.

Aufgeflogen sind die Manipulationen durch den ehemaligen Torhüter des Drittligisten Cremonese: Marco Paolini. Im Herbst 2010 sollte das Team gegen Pagani verlieren, führte jedoch zur Pause bereits 2:0. Paolini mischte seinen Mannschaftskameraden daraufhin in der Halbzeit ein Schlafmittel in die Getränke. Cremonese gewann die Partie trotzdem, die Spieler klagten jedoch über ein starkes Unwohlsein. Einer der betroffenen Spieler schlief nach dem Spiel am Steuer ein und baute einen Unfall.

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Echte Manipulation passiert also im Verborgenen, nicht in öffentlichen Telegram-Gruppen.

Falsche Screenshots und gebrochene Versprechen

Der Betreiber der Telegram-Gruppe hat nicht, wie vorher zugesagt, bekannt gegeben, wie er gewettet hat. Stattdessen hat er sich später entschuldigt, dass er angeblich unterwegs war und sich nicht melden konnte.

Torben wurde dann in einem privaten Chat ein angeblicher Screenshot geschickt, auf dem man sieht, wie auf seinen 100 Euro Einsatz ein Gewinn von 9.900 Euro erzielt wurde – ein offensichtlicher Fake.

Erwartungsgemäß forderte der Betreiber danach weitere Zahlungen: diesmal „Steuern“ in Höhe von 20 %, angeblich um den Gewinn auszahlen zu können. Tipico übernimmt jedoch in Wahrheit die 5-prozentige Wettsteuer selbst – ein weiteres klares Indiz für den Betrugsversuch.

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Torben ging nicht weiter darauf ein, da er dem Betrüger nicht noch mehr Geld hinterher werfen wollte. Bei einem Blick auf das Profil des Initiators wurde der Fake-Lifestyle immer deutlicher:Auf der Wallet liegen gerade einmal 9.000 Euro, die gezeigten Luxus-Uhren sind Fake, die Acrylglasbilder gibt es bei Amazon und der grüne Lamborghini wird in den Vereinigten Arabischen Emiraten für umgerechnet 430 Euro am Tag vermietet.

Wo Spielmanipulation wirklich stattfinden könnte

Laut dem Sportwetten-Experten Jan gibt es „fixed matches“ real, jedoch auf eine ganz andere Art und Weise: Wenn solche Tipps existieren, dann in sehr kleinen, verschlüsselten Kreisen – über das Darknet oder im direkten Kontakt mit der Wettmafia. Telegram-Gruppen mit Tausenden Teilnehmern gehören definitiv nicht dazu.

Wer für 200 Euro einen angeblich „hundertprozentig sicheren Tipp“ kaufen will, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer eines Betrugs. Die echten Strippenzieher im Hintergrund agieren diskret, bewegen Millionenbeträge und arbeiten fernab öffentlicher Plattformen.

Torben Platzer hat es ausprobiert – und ist auf einen perfiden Telegram-Betrug reingefallen, der sich hinter Promi-Werbung, manipulierten Screenshots und großen Versprechungen versteckt. Die Realität: Es gibt keine hundertprozentig sicheren Tipps, schon gar nicht öffentlich in Telegram-Gruppen oder über Instagram-Stories.

Sportwetten können gefährlich werden – nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Wer das Gefühl hat, die Kontrolle über sein Spielverhalten zu verlieren, sollte sich Hilfe holen. Und wer auf Betrüger hereingefallen ist, sollte Anzeige erstatten.

Die gute Nachricht: Diese Geschichte zeigt, wie wichtig Aufklärung ist – und dass man mit einem gesunden Maß an Skepsis und Wissen solchen Betrugsmaschen vorbeugen kann.

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